
Kommentar
Thomas Liebig
Migrationsexperte in der Abteilung für Internationlae Migration des Arbeitsmarktsdirektorats der OECD und einer der Verfasser des International Migration Outlook

Durch die Wirtschaftskrise hatte die OECD bereits in 2008 nach mehreren Jahren starken Anstiegs der Migration (Anstieg in den fünf vorangegangenen Jahren im Schnitt pro Jahr von 11%) erstmals einen Rückgang der Migrationsflüsse zu verzeichnen. 4.4 Millionen Migranten kamen in die OECD-Länder in 2008, 6% weniger als in 2007. Dieser Trend hat sich nach ersten vorläufigen Zahlen in 2009 weiter verstärkt. Vor allem die temporäre Arbeitsmigration und die Migration innerhalb der erweiterten EU waren von diesem Rückgang betroffen. Wir erwarten jedoch, dass der Rückgang der Arbeitsmigration nur konjunkturbedingt ist. Bereits in 2011 kann es wieder zu einem Anstieg der Migration kommen, da die strukturellen Rahmenbedingungen wie der demographische Wandel und die Internationalisierung der Arbeitsmärkte durch die Krise nur kurzfristig überlagert wurden.
Welche Bedeutung die Zuwanderung bereits jetzt für den Arbeitsmarkt hat, wird besonders deutlich, wenn man den Anteil der Neuzuwanderer in Bezug setzt zu den Eintritten junger Menschen in die erwerbsfähige Bevölkerung. Im OECD-Schnitt machte die Immigration vor der Krise etwas über 30% der Neuzugänge in das erwerbsfähige Alter aus, in der Schweiz, Irland und Spanien sogar über die Hälfte. In Deutschland waren es immerhin 17%. Insgesamt lässt sich für Deutschland in den letzten Jahren eine Verschiebung weg von der Familienzusammenführung und der Migration von Spätaussiedlern hin zu mehr Arbeitsmigration beobachten. Nach unserer Schätzung kamen im Jahr 2008 rund 22 000 überwiegend qualifizierte und hochqualifizierte Personen von ausserhalb der EU nach Deutschland – ein Anstieg von knapp 80 Prozent gegenüber 2005, dem Jahr der Einführung des neuen Zuwanderungsgesetzes. Der weitaus grösste Teil der dauerhaften Zuwanderung nach Deutschland stammt aber aus der erweiterten EU – rund jeder zweite Zuwanderer, der sich in Deutschland niederlässt, kommt aus dem EU-Raum.
Für die arbeitsmarktbezogene Zuwanderung aus nicht-EU-Staaten sind internationale Studenten eine zunehmend bedeutende Gruppe, der Internationale Migrationsausblick zeigt hierzu erstmals Zahlen auf. Ebenso wie Deutschland haben auch die meisten anderen OECD-Länder in den vergangenen Jahren Massnahmen eingeführt, um internationalen Studenten – unter gewissen Voraussetzungen – sowohl während des Studiums als auch nach Studienabschluss die Arbeitsaufnahme im Empfangsland zu erlauben.
Australien ist das Land, das vielleicht am besten diese Ressource nutzt: mittlerweile sind dort über die Hälfte aller hochqualifizierten Zuwanderer Absolventen von australischen Bildungseinrichtungen. Aber auch in den europäischen OECD-Ländern sind internationale Studenten aus Nicht-EU-Ländern zu einer ständig wachsenden Gruppe für neue Arbeitsmigration geworden. Knapp 30 Prozent der internationalen Studenten in Deutschland bleiben nach Studienende unter einem anderen Aufenthaltstitel im Land, in dem sie entweder eine Arbeit aufnehmen oder heiraten. Zusammengenommen waren das in Deutschland über 10 000 Personen im Jahr 2008 und somit mehr, als im gleichen Jahr an Familiennachzug aus der Türkei kam. Die mit Abstand grösste Studentengruppe, die bleibt, sind die Chinesen.
In Frankreich machen die internationalen Absolventen französischer Universitäten bereits über zwei Drittel der Arbeitsmigration von ausserhalb der EU aus. Allerdings hat Frankreich, wie auch Deutschland, sehr wenig Arbeitsmigration von ausserhalb der EU – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie das Vereinigte Königreich, Dänemark und Norwegen.
Würde Deutschland das Potential internationaler Studenten ebenso sehr nutzen wie Australien, hätte dies allein ungefähr eine Verfünffachung der arbeitsmarktbezogenen Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten zur Folge. Interessant ist im Falle von Deutschland, dass die Bleibequoten nicht viel niedriger sind als in Australien, aber es gibt relativ weniger internationale Studenten. Im OECD-Schnitt hat sich die Anzahl internationaler Studenten seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt, in Deutschland waren die Steigerungen wesentlich geringer – es ist auf dem wachsenden und an Bedeutung gewinnenden Markt für internationale Studenten gegenüber anderen Ländern zurückgefallen. OECD-weit gibt es mittlerweile rund 2.5 Millionen internationale Studenten, davon sind etwas über 200 000 in Deutschland.
Zum Schluss noch ein Wort zur Integration von Zuwanderern in der Krise. Generell lässt sich sagen, dass Migranten mit am stärksten von der Krise betroffen sind - ihre Arbeitslosigkeit ist in den meisten OECD Ländern stärker gestiegen als die der Nichtmigranten. Ein Hauptgrund dafür ist, dass Migranten besonders stark in konjunkturanfälligen Sektoren beschäftigt waren, z.B. im Bauwesen und in der Industrie. Besonders betroffen ist Spanien, wo die Arbeitslosenquote unter den Zuwanderern mehr als 27% beträgt (Nichtzuwanderer: 16%).
Wenn man die unterschiedliche Verteilung von Migranten und Nichtmigranten über die Wirtschaftsektoren berücksichtigt, haben sich in Deutschland die Migranten in der Krise besser behauptet als die Nichtmigranten. Vor allem im Bereich der häuslichen Pflege wurde offensichtlich viel aufgefangen – auch deshalb, weil sich der demographische Wandel in diesem Sektor besonderes spürbar bereits auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Vor allem die zugewanderten Frauen sind verstärkt in den Arbeitsmarkt getreten, um den – drohenden oder tatsächlichen – Einkommensverlust bei ihren Ehepartnern zu kompensieren. Das ist für Deutschland relativ deutlich zu sehen – die Beschäftigungsquote der Migrantinnen ist von Ende 2008 bis Ende 2009 um rund zwei Prozentpunkte gestiegen.
Gerade im Bereich der Kranken- und häuslichen Pflege kann auch in Zukunft weiter anwachsender Bedarf erwartet werden, und hier kann auch die Migration eine wichtige Rolle spielen. Es ist deshalb wichtig, dass die Migrationspolitik eine langfristige Perspektive beibehält.