
Kommentar
Sabine Schröder und
Wolfgang Fehl, Leitung des Koordinierungsprojekts „Integration durch Qualifizierung“ bei der Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk, Düsseldorf

Seit 2005 haben über 40 Projekte im Netzwerk „Integration durch Qualifizierung“ (IQ), einer Initiative des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, Strategien und Instrumente zur Unterstützung von erwachsenen Migrantinnen und Migranten beim Zugang zum Arbeitsmarkt entwickelt in den Handlungsfeldern Beratung, Berufsbezogenes Deutsch, Existenzgründung, Interkulturelle Öffnung, Kompetenzfeststellung und Qualifizierung.
Es geht nun darum, diese Handlungsansätze „in die Fläche zu bringen“ - ein Auftrag nicht ohne Tücken. Das Kritische am Übergang von Modellprogrammen in die anschließenden „Mühen der Ebenen“ kennen viele, die in Arbeitsmarktprojekten tätig sind, nur zu gut.
Im Netzwerk IQ sind zahlreiche Ansätze entwickelt und vielerorts aufgegriffen worden, z.B.:
Die größte Durchschlagswirkung hat IQ beim Thema „Anerkennung ausländischer Bildungs- und Berufsabschlüsse“ erzielt. Die 2007 vom Projekt Global Competences erarbeitete Studie „Brain Waste“ zum verschwenderischen Umgang mit beruflichen Kompetenzen qualifizierter Zugewanderter hat breite fachliche und politische Resonanz gefunden. So hat die Bundesregierung detaillierte Eckpunkte für eine gesetzliche Regelung mit einem Anspruch auf Prüfung und Bewertung mitgebrachter Qualifikationen formuliert und durch einen Kabinettsbeschluss am 9.12.2009 verbindlich gemacht. Das Gesetz befindet sich in der Ressortabstimmung.
Aber: Im Praxisalltag von Beratung und Vermittlung gibt es keine ausdrückliche Verpflichtung, Migrant/innen als Zielgruppe mit spezifischem Unterstützungsbedarf in den Blick zu nehmen. Es wurden auch keine institutionen-übergreifenden Gremien geschaffen, die sich „wirtschaftsnah“ mit den weiter kritischen Arbeitsmarktdaten befassen müssten. Das Netzwerk IQ hat deshalb in einem Positionspapier die Bildung eines Pakts für Integration und Arbeitsmarkt vorgeschlagen. Denn ohne Verbreiterung, Vertiefung und Intensivierung der institutionell verbindlichen Anstrengungen zur Verbesserung der Arbeitsmarktintegration der von Ausgrenzung (und Diskriminierung) betroffenen Migrant/innen bleibt das Netzwerk ein zu klein geratener „Ausfallbürge“. Er soll etwas schultern und vorantreiben, das sich „ganz andere Kaliber“ auf die Fahnen schreiben müssten: Voran die Arbeitsagenturen und die Grundsicherungsstellen, aber auch die Spitzenverbände der Wirtschaft mit zumindest indirekter „Bindungswirkung“ für die Unternehmen – und dann, natürlich, auch die Länder und die Kommunen, denen immer mehr die Rolle des Gestalters „kommunaler Bildungslandschaften“ zuwächst. Deren Teil ist auch das System Weiterbildung, zu dem Migrant/innen deutlich schwerer Zugang finden als es ihrem Anteil an der Bevölkerung und an den Beschäftigten entspricht. Bei den Ursachen der Ausgrenzung vieler Migrant/innen vom Arbeitsmarkt muss auch über Diskriminierung offen gesprochen, in der Forschung mehr gearbeitet und in der Praxis entschlossener gehandelt werden. Für die Verbesserung des Zugangs zum Arbeitsmarkt von Menschen mit Migrationshintergrund braucht es weiter das Engagement vieler Projekte und Institutionen, der Migrant/innen und ihrer Organisationen und einer hoffentlich aufmerksamen politischen Öffentlichkeit. Arbeitsmarktthemen spielten in den Integrationsdebatten kaum eine Rolle. Im Windschatten der Debatten um das Anerkennungsgesetz kann sich das ändern – und es muss sich ändern!