04 Verwaltung als Gestalterin des sozialen Nahraums

12.02.2010

Maria Kotsina, DGB Bildungswerk Bund
Informations- und Beratungsnetzwerk öffentliche Verwaltungen

Maria Kotsina arbeitet beim DGB Bildungswerk und ist dort Projektleiterin des Informations- und Beratungsnetzwerks Öffentliche Verwaltungen und Betriebe. Dies ist angesiedelt beim Kompetenzzentrum Pro Qualifizierung. Vorrangiges Ziel von Pro Qualifizierung ist es, die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Migrationshintergrund über 25 Jahre zu fördern. Dabei geht es zum einem darum Arbeitsplätze zu sichern, zum anderen Arbeitsplätze zu schaffen.

Ausgangspunkt für Maria Kotsinas Vortrag „Verwaltung als Gestalterin des sozialen Nahraums“ war die Frage der Organisationsentwicklung und deren wesentlichen Aspekte. Das sind im einzelnen: ein organisationstheoretisches Konzept, der soziale Wandel in der Organisation, Beteiligung der Betroffenen, Veränderung der Strukturen von innen heraus, die Initiierung gemeinsamer Lernprozesse und die Nutzung der Potenziale aller und der Organisation als ganzes. Der Fokus richtet sich dabei gleichermaßen auf die Belegschaften, die Kunden und die Produkte. Ziel der Organisationsentwicklung ist die Steigerung der Effektivität bei gleichzeitiger Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit.

Als Handlungsfelder nannte Maria Kotsina die Fort- und Weiterbildung, die Schaffung interkulturell besetzter Teams, den Abbau struktureller Zugangsbarrieren für Migrantinnen und Migranten, Öffentlichkeitsarbeit, interkulturelle Schulung von Beraterinnen und Beratern, sowie die Anerkennung im Ausland erworbener Abschlüsse und Kompetenzfeststellung.

Die Organisationsentwicklung ist eine Antwort auf die Veränderungen, die sich durch Zuwanderung in der Gesellschaft ergeben haben. Dem trägt die Verwaltung in ihrer doppelten Funktion – als Dienstleister im öffentlichen Sektor und als Arbeitgeber – Rechnung, bzw. sollte diesem Rechnung tragen.

Und in dieser Doppelrolle wirke die Verwaltung natürlich – so Maria Kotsina – in ihre unmittelbare Umgebung hinein, den sozialen Nahraum. Hier hat sie auch Gestaltungsmöglichkeiten, die von zentraler Bedeutung sind. Denn Integration finde vor allem auf lokaler Ebene statt. Kotsina verwies in diesem Zusammenhang auf den Nationalen Integrationsplan (NIP), in dem es heißt: „Integration findet vor Ort statt. Das unmittelbare Wohnumfeld hat eine zentrale Funktion im Integrationsprozess.“

Bei der Definition des Begriffs sozialer Nahraum orientierte sich Maria Kotsina an Stephan Bundschuh. Demzufolge ist das ein physikalisch-geografischer Raum, „in dem sich menschliche Beziehungen in Gebäuden und Institutionen vergegenständlichen und in dem die dort lebenden Menschen in einem sozialen Beziehungsgeflecht stehen. Der Sozialraum selbst entsteht nur durch die Interaktion von Subjekten. Es gibt nicht nur lokal differierende Sozialräume, sondern am gleichen Ort unterschiedliche Wahrnehmungen eines sozialen Raums.“

Es könne sich also – so Maria Kotsina – um einen Stadtteil handeln, um die Verwaltung oder um die Kommune selbst. Das hänge davon ab, welche Handlungsfelder man gestalten will.

Bei den HandlungsfeldernWirtschaft und Arbeit sowie Gesundheit ist eher die gesamte Kommune betroffen. Bei der Städtebaupolitik geht es um den klassischen Kiez und die Frage, wie eine Segregation verhindert werden kann, die schnell die Stigmatisierung Ghetto nach sich ziehen könnte Beim Handlungsfeld Sprache ist der soziale Nahraum über betroffene Gruppen definiert, da geht es um frühkindliche Spracherziehung, die berufliche Fachsprache und so weiter. Bildung und Ausbildung kann ebenfalls unter sehr verschiedenen Aspekten angegangen werden. Das reicht vom Blick auf Schulen in sozialen Brennpunkten bis zur gezielten Ansprache von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, um sie für eine Ausbildung im dualen System zu gewinnen.

Davon ausgehend warf Maria Kotsina die Frage auf, wie die Verwaltung vorgehen muss, wenn sie den sozialen Nahraum gestalten möchte. Grundvoraussetzung ist aus ihrer Sicht, dass sie sich diesem politisch-administrativen Prozess stellt und interkulturelle Öffnung als Teil der kommunalen Steuerungsverantwortung nach innen und außen strukturell verankert. Das funktioniert am besten, wenn es zur Chefsache gemacht wird und wie etwa in Stuttgart oder Hannover der Oberbürgermeister dahinter steht.

Ein wichtiges Instrument in dem Zusammenhang ist die Entwicklung eines Leitbildes, in dem Ziele formuliert sind und dies dann für die jeweiligen Bereiche herunterdekliniert wird. Das ist etwa ein interkulturelles Personalmanagement, mit der Zielsetzung, die bestehenden Strukturen bei der Personalentwicklung und Personalauswahl um den Aspekt Interkulturalität zu erweitern.

All das ist sinnvollerWeise top-down organisiert, funktioniert aber nicht ohne Beteiligung der Betroffenen, also der Menschen mit Migrationshintergrund. Sie müssen in einen breiten Dialog einbezogen werden. Daneben verwies Kotsina darauf, dass auch die betrieblichen Interessenvertretungen einbezogen werden müssen, was sich allein schon aus der Gesetzeslage zur Mitbestimmung ergibt.

Wichtig ist schließlich, dass die Arbeit in verschiedener Weise vernetzt wird. Maria Kotsina hat zwischen verschiedenen Trägerebenen in den Kommunen unterschieden. Im formellen Sektor sind das unter anderem die ARGEn, die VHS, das Land, das BAMF, die Verwaltung, die Polizei. Auf dem informellen Sektor müssen Vereine, Kulturvereine, die Migrantenorganisationen einbezogen werden. Zum korporativen Sektor zählen Gewerkschaften, Verbände, Kirchen, überregionale Migrantenvereine, Stiftungen. Schließlich muss auch der privatwirtschaftliche Sektor in das Netz einbezogen werden.

Die strategische Steuerung von Integrationsarbeit fasste Maria Kotsina in wenigen Punkten zusammen. Zunächst muss eine Vision entwickelt werden und daran anknüpfend ein Leitbild. Der nächste Schritt ist eine Bestandsaufnahme, wovon ausgehend Zielgruppen definiert und Prioritäten gesetzt werden. Daran schließen sich interkulturelle Schulungen der Beschäftigten an. Es folgt die Vernetzung, wobei die Netzwerke moderiert werden. Gleichzeitig wird der interkulturelle Dialog gefördert. All diese Schritte werden durch Öffentlichkeitsarbeit begleitet. Der letzte Schritt schließlich ist das Controlling und die Evaluation.

Zentraler Akteur in diesem Prozess ist auf lokaler Ebene die Verwaltung. Bei ihr liegen die Planung, Steuerung und Koordination. Im strategischen Management kann sie Impulse geben, Projekte finanzieren – soweit das möglich ist – und die verschiedenen Akteure, die an einen Tisch kommen sollen, moderieren. All dies muss zentral gesteuert werden, sei es durch einen Integrationsbeauftragten oder eine zentrale stelle wie etwa in München. Das signalisiert nach außen die Wichtigkeit der Aufgabe und ist gleichzeitig zentraler Ansprechpartner.

Ein Beispiel für die Gestaltung eines sozialen Nahraums in Bezug auf das Handlungsfeld Wirtschaft und Arbeit sind Arbeitsmarktkonferenzen, die exemplarisch in Dresden und Düren durchgeführt wurden. Dabei wurden die Entscheidungsträger in dem Bereich an einen Tisch gebracht, um darüber zu diskutieren, wie man eine kommunalpolitisch sinnvolle Arbeitsmarktpolitik betreiben kann, die Menschen mit Migrationshintergrund bewusst einbezieht. Die Akteure sind Vertreter der Kommune – konkret die Integrationsbeauftragte –, der Wirtschaftsförderung, der Gewerkschaften, der Kammern, der ARGEn, und Vertreter von Migrantenorganisationen. Das Themenfeld reicht dann von Ansiedlungspolitik über Weiterbildung bis zu Existenzgründungen für Migrantinnen und Migranten.Wie weit das in der Praxis von einem unmittelbaren Erfolg gekrönt ist, bleibe immer abzuwarten – so Maria Kotsina. Das Entscheidende ist, dass Entscheidungsträger aus den verschiedensten Bereichen zusammenkommen und gemeinsam nach Wegen suchen.

Ein anderes praktisches Beispiel für die Gestaltung des sozialen Nahraums fand in der von Pro Qualifizierung veranstalteten Woche der Weiterbildung statt. In diesem Rahmen hat die Stadt Kiel in einer Veranstaltung mit dem Titel „Weiterbilden statt Stehenbleiben, Migranten qualifizieren“ ganz unterschiedliche Akteure an einen Tisch gebracht. Im einzelnen waren das FORUM, eine lokale Migrantenorganisation, der Beauftragte für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein, die Agentur zur Förderung der Bildungs- und Berufszugänge für Flüchtlinge und MigrantInnen access, das Kompetenzzentrum NOBI, das Kieler Forum Weiterbildung das Jobcenter Kiel und die Arbeiterwohlfahrt (AWO).

Ausgehend von der Tatsache, dass die Fort- und Weiterbildung bei Migrantinnen und Migranten nicht gut funktioniert, wurde diskutiert, wo die Gründe liegen könnten und was nötig ist, um das zu ändern. Gerade in Krisenzeiten – dies der gedankliche Hintergrund – istWeiterbildung ein entscheidender Hebel, um die Beschäftigungsfähigkeit zu erhöhen. Hier hat die Verwaltung ihre Möglichkeiten offensiv genutzt.

Auch in anderen Städten, die Maria Kotsina besucht hat, hat die Verwaltung eine Gestaltungsfunktion übernommen, so in Hattingen und in Bottrop. Beide Städte haben ein Integrationskonzept und sind derzeit in der Phase der Bestandsaufnahme. Dazu gehen sie ganz bewusst in die Stadtteile, um herauszufinden, welchen Handlungsbedarf es gibt und welches Potential vorhanden ist, das genutzt werden kann: Wer agiert wie da? Welche Strukturen gibt es bereits? Welche Vereine, zum Beispiel Sportvereine, gibt es? Sind Migrantenorganisationen in irgendeiner Form aktiv? Sind Wohlfahrtsverbände aktiv? Davon ausgehend wird dann die Arbeit organisiert.

Es gebe auch kleinere Ansätze wie Integrationslotsen, die im Alltag Menschen mit Migrationshintergrund unterstützen – so Maria Kotsina. Der Anfang bei der Gestaltung des sozialen Nahraums durch die Verwaltung ist gemacht. Auch wenn noch viel zu tun sei, mache dies Mut.

NACHFRAGEN UND DISKUSSION

Die von Maria Kotsina angesprochene Einbeziehung der Betroffenen griff ein Diskussionsteilnehmer auf. Dies müsse nicht nur über die Strukturen der Migrantinnen und Migranten laufen, sondern über die Einzelnen im sozialen Nahraum. Sein Ansatz zielte darauf ab, das bürgerschaftliche Engagement von Migrantinnen und Migranten stärker ins Blickfeld zu nehmen. Das sei sicher die ehrenamtliche Arbeit in Vereinen oder Initiativen, aber auch im normalen nachbarschaftlichen Aufeinandertreffen. Als Beispiel erwähnte er die so genannten internationalen Gärten. Das sind Kleingärtner aus verschiedenen Kulturen, die ihre Hobbygärten betreiben und sich dabei darüber austauschen, was in der jeweiligen Kultur angebaut wird.

Ergänzt wurde das durch einen anderen Teilnehmer, der auf ein Pilotprojekt verwies, das gemeinsam von der Stadt Münster mit einer niederländischen Partnerstadt durchgeführt wird. Dabei wird für Neuzuwanderer eine Art Profiling erstellt, um herauszufinden, welche Interessen, Neigungen, Fähigkeiten sie haben und in welchen Stadtteilen sie am ehesten die Möglichkeit haben, um Anschluss zu finden. Und nach ein, zwei Jahren ist noch einmal untersucht worden, ob und wie eine Familie in dem Stadtteil angekommen ist. Es gab auch eine deutsche Kontrollfamilie ohne Migrationshintergrund, um sozialwissenschaftlich exakt zu prüfen, wie Integration unter diesem Profiling-Ansatz verläuft.

Die Integration in die Nachbarschaft, sei es über bürgerschaftliches Engagement oder durch das Angebot in eine Nachbarschaft zu ziehen, die zu einem passt – so Maria Kotsina – muss bei der Bestandsaufnahme durch die Kommune, die Voraussetzung für eine interkulturelle Öffnung ist, natürlich beachtet werden. Im Rahmen einer solchen Bestandsaufnahme soll sowieso jeder Stadtteil genauer unter die Lupe genommen werden, um zu schauen, was an Aktivitäten läuft. Positive Beispiele sollen nach Meinung von Maria Kotsina gleich gebündelt und durch die Kommune veröffentlicht werden.

Ein weiterer Diskussionsteilnehmer sah die Gestaltung des sozialen Nahraums als ein interessantes Konzept, hat aber Zweifel an der Wirksamkeit. Gute Konzepte kenne er seit etwa dem Jahr 2000 aus vielen Städten, die sehr ausgereift sind und nicht nur Teilbereiche, sondern Integration und interkulturelle Öffnung insgesamt erfassen. All diese Konzepte müssen sich an bestimmten Kriterien messen lassen. Und das sind Bildungs- und Ausbildungsbeteiligung sowie Zugang zum Arbeitsmarkt bzw. Arbeitslosigkeit von Migrantinnen und Migranten. Und die entsprechenden Daten sehen in den meisten Fällen immer noch sehr schlecht aus.

Unterstützung erhielt er von einer Diskussionsteilnehmerin, die die Meinung vertrat, ein Konzept sei immer nur so gut wie seine Umsetzung. Wenn die nicht mit Vehemenz über einen längeren Zeitraum verfolgt wird, brauche man sich eigentlich keine konzeptionellen Gedanken machen.

Pro-Qualifizierung ist Bestandteil von www.migration-online.de
Logo Spirito GmbH