Persönliche Erfolgsgeschichten

09.03.2010

VORBEREITUNGSKURSE ZUR EXTERNENPRÜFUNG: EIN ERFOLGSMODELL

Die Externenprüfung dient dazu, auch ohne reguläre Ausbildung einen an - erkannten Berufsabschluss bei einer Kammer zu erwerben. Um zur Prüfung zugelassen zu werden, ist der Nachweis hinreichender Berufserfahrung notwendig. Details hierzu regelt die Handwerksordnung, individuelle Beratung gibt’s bei den Handwerkskammern.

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Handbuch zur Woche der Weiterbildung 2010" entnommen.

Im Handwerk werden qualifizierte Fachkräfte benötigt. Um die Teilnahmebereitschaft an einer Externenprüfung weiterhin zu stärken und z.B. sprachliche Hürden abzubauen, starteten der Westdeutsche Handwerkskammertag, die Agentur für Arbeit und die Handwerkskammer Düsseldorf einen Vorbereitungskurs für die Externenprüfung zum KFZ-Servicemechaniker. Alle 12 Teilnehmer bestanden die Externenprüfung und halten heute den entsprechenden Abschluss in Händen. Viel Engagement, Betriebe, die unterstützen und nicht zuletzt das Programm WeGeBAU waren hierfür maßgeblich.

„Wir bereiten bereits neue Vorbereitungsseminare für die Externenprüfung auch in anderen Berufen vor. Wir wollen erreichen, dass gerade auch diejenigen eine zusätzliche Chance auf einen anerkannten Berufsabschluss erhalten, die mit 16 oder 18 Jahren keinerlei Gelegenheit dazu hatten, eine berufliche Ausbildung zu absolvieren. Ein riesiges Potenzial, für den Mittelstand insgesamt und auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Hinzu kommt, dass sich kaum etwas so gut verzinst wie die Investition in die eigene berufliche Qualifikationen. Eine alte Formel, die mehr denn je und vor allem für alle Altersklassen gilt“, so Dr. Vahling, Geschäftsführer und Leiter des Bildungszentrums der Handwerkskammer Düsseldorf.

Nähere Informationen zur Externenprüfung, Vorbereitungsseminaren und der Unterstützung von Weiterbildung erteilen die Handwerkskammern und beruflichen Bildungszentren des Handwerks.

Quelle
Medienpool des Westdeutschen Handwerkskammertages zur Woche der Weiterbildung 2009, www.handwerk-nrw.de; Stichwort: Woche der Weiterbildung

ANSPRECHPARTNER
Rolf Göbels,
Telefon 02 11/30 07-7 60
Peter Domen,
Telefon 02 11/30 07-7 07

 

PORTRAIT

Juri Ottmaa (38), VEOLIA Umweltservice, Dormagen
… und mein Leben wird leichter.

Seine Heimat: Estland – bis 1992 jedenfalls. Heute sagt er: „Ich bin hier zu Hause.“ Und damit meint er nicht Deutschland, oder Dormagen, sondern die Fa. VEOLIA. Sein Name: Juri Ottmaa. 38 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, Handwerker aus Leidenschaft und fast Profi-Trainer im Eishockey.

Wie sich alles entwickelte, warum Schluss war mit Eishockey in Estland und aus welchen Gründen er heute neben Arbeit und Familie wieder die Schulbank drückt, Juri erzählt am besten selbst.

„Die Sprache, die Sprache ist wichtig. So perfekt und schnell wie möglich wollte ich Deutsch lernen. Das war in der ersten Zeit für mich das A und O. 1992 mit 23 Jahren kam ich rüber. Auf Deutsch konnte ich gerade mal bis vier zählen und Danke sagen. Das reicht für gar nix. Wer nicht spricht, hat verloren. So einfach ist das.

Am Anfang hatte ich den Asylantenstatus. Nach und nach hat sich dann alles entwickelt. Gleich meinen ersten Job habe ich damals bei der Firma Haniel Industriereinigung GmbH, heute VEOLIA Umweltservice, bekommen. Übers Eishockey. In Neuss habe ich sofort nach meiner Ankunft ‘92 damit angefangen und direkt richtig Glück gehabt. Gute Leute haben mir geholfen. Nicht nur bei der Sprache und Behördengängen, auch bei ihren Arbeitgebern haben sie mich empfohlen. Da gehört schon was zu. Schließlich wussten die meisten nur sehr wenig von mir. Und trotzdem haben sie sich eingesetzt und mir vertraut.

Hier bei VEOLIA hat es dann geklappt. Eine Empfehlung meines Hockeykollegen und heutigen Werkstattmeisters.

Gearbeitet habe ich zunächst als Helfer und dann als Industriereiniger. Ich war glücklich. Ich hatte meinen Anschluss gefunden. Erst im Hockey, dann auf der Arbeit. Na ja, so ganz schlecht spiele ich auch nicht (lächelt etwas verschämt). In Estland hätte ich Profi-Trainer werden können. Ich habe damals mehr Zeit auf dem Eis als sonst wo verbracht. Aber das ist eine andere Geschichte. Und heute weiß ich, ich habe das Richtige gemacht und ich habe Glück gehabt.

Nach einiger Zeit als Industriereiniger kam dann mein Chef auf mich zu und bot mir eine Stelle in der Werkstatt für Nutzfahrzeuge an. Spezialfahrzeuge und Hochleistungspumpen, die über 2.500 bar Wasserdruck aufbauen, werden hier gewartet, repariert und gecheckt. Viel Technik und viel Sicherheit sind dafür notwendig. Um mich für diesen Job zu qualifizieren, habe ich einige Lehrgänge besucht, viel von den Kollegen gezeigt bekommen und vor allem auch abends und am Wochenende gepaukt.

Im Jahr 2007 kam unser Werkstattleiter, Herr Klötsch, dann wieder auf mich zu und fragte, ob ich nicht meinen KFZ-Servicemechaniker machen wolle. Die Handwerkskammer hatte ein spezielles Vorbereitungsseminar aufgelegt. 10-Monate-Training und dann die Prüfung.

Obwohl ich dachte, dass bestimmt keine Plätze mehr frei wären, habe ich gehofft und sofort zugestimmt.

Und wieder mal hatte ich Glück. ‚Noch genügend Plätze frei‘, hieß es von der Handwerkskammer.

Heute stehen wir kurz vor der Prüfung und ich bin froh, wenn ich den Schein in der Tasche habe. Dann kann ich endlich weiter zur Schulung und eine Prüfung ablegen, die mich berechtigt, Fahrtenschreiber zu warten. Eine Arbeit, die bei unseren 80 LKWs regelmäßig anfällt und die nur derjenige ausführen darf, der eine spezielle Berechtigung hat. Voraussetzung dafür ist allerdings wieder der Berufsabschluss. Aber den habe ich ja hoffentlich bald und mein Leben wird leichter.“

Juri Ottmaa war Teilnehmer am Vorbereitungskurs zur Externenprüfung an der Handwerkskammer Düsseldorf.

Estland im Profil
Etwas kleiner als Niedersachsen und mit 1,34 Millionen Einwohnern unmittelbar an der Ostsee und dem Finnischen Meerbusen gelegen. Es grenzt an Lettland und Russland, ist seit 2004 EU-Mitglied und im Internet unter der Endung .ee zu finden. Tallinn heißt die Hauptstadt (400.000 Einwohner), das Nationalgericht sind Blinys (mit saurer Sahne oder mit Fisch gefüllte Pfannkuchen). Bären, Wisente, Biber, Elche und Wölfe sind in den weiten Moorflächen und großen Wäldern heimisch. 318 m ist der höchste Berg der Republik flach, der Suur Monagmägi. Eine Estnische Krone gibt’s für 6 Eurocent. Zu den neuzeitlichen Berühmtheiten des Landes zählt unter anderem die Band Vanilla Ninja. Mehr über die Schönheiten Estlands: www.estemb.de oder Juri fragen.

 

INTERVIEW

Dietmar Klötsch (46), Werkstattleiter bei der Firma Veolia Umwelt service Industriereinigung GmbH & Co. KG, Dormagen, Chef von Juri Ottmaa.

Herr Klötsch, als Werkstattleiter gehört auch das Thema Weiterbildung in Ihre Verantwortung. Wie gehen Sie damit um?

 „Unser Unternehmen beschäftigt 379 Mitarbeiter aus über acht Nationen, davon 191 am Standort Dormagen. Von Helfern über Fachkräfte und Techniker, Auszubildende, Fahrer, Meister, die mittlere Führungsebene bis hin zum gesamten Bereich der personellen Verwaltung und kaufmännischen Abwicklung. Wir sind eine große Familie, wir müssen uns aufeinander verlassen können. Wir sind eben Dienstleister. Und das für die chemische Industrie. Was das heißt? Viel Technik, 24 Stunden Bereitschaft und ein hohes Maß an Sicherheit.

Dies täglich zu bewältigen, dafür braucht man gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mitdenken, miteinander arbeiten, motiviert sind und die Bereitschaft mitbringen, sich regelmäßig fortzubilden und zu qualifizieren. Darauf achten wir. Unser wichtigstes Kapital sind die Beschäftigten, und wenn es den Beschäftigten gut geht, geht es auch dem Unternehmen gut. So profitieren alle davon.

EDV-Trainings, Seminare bei Zulieferunternehmen oder andere Fortbildungen bieten wir daher genau so an wie den LKW-Führerschein auf Firmenkosten. Ein Konzept, das sich bewährt hat. In beide Richtungen. Indiz hierfür: Beschäftigte, die einmal bei uns angefangen haben, bleiben. Mit Fluktuation haben wir kaum zu tun. Eher im Gegenteil. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen immer wieder Personen aus ihrem privaten Umfeld. Und wenn’s passt, gehen wir gerne darauf ein. Egal woher jemand kommt. Wichtig ist, die Motivation stimmt und sie oder er zeigt Initiative. Dann sind auch wir gerne bereit, all das zu ermöglichen, damit sich jemand bei uns nicht nur wohl fühlt, sondern wirklich dazugehört. Integration eben.

Was unternehmen Sie konkret, damit gerade Interkulturalität für alle als Mehrwert erkannt wird?

So konkret könnte ich das nicht mal sagen. Unterschiedliche Herkunft und eine gemischte Altersstruktur gehören eben einfach dazu. Wir lernen mitei - nander und voneinander. Als Ausbilder, Betriebsleiter oder Unternehmer kann man nur dafür Sorge tragen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Verständnis und Eigeninitiative sind keine Sachen, die sich anordnen lassen. Das muss schon von jedem selbst kommen. Und wer sich aussondern will und keine Bereitschaft zeigt, sich mit seinen Fähigkeiten einzubringen, dem können wir auch nicht helfen. Dafür ist die Konkurrenz einfach zu groß. Dietmar Klötsch Was wir allerdings tun, ist bereits bei der Personalauswahl auf gewisse Dinge zu achten. Und kulturelle Vielfalt gehört für uns einfach dazu. Ich bin sogar der Meinung, sie ist eine Bereicherung.“

Juri Ottmaa ist seit 13 Jahren bei Ihnen beschäftigt. Zunächst als Helfer, dann als Industriereiniger und bis heute in der Ihrer LKW-Werkstatt. Wie kam es dazu? Was hat sich entwickelt?

„Unser Werkstattmeister kam damals zu mir und berichtete, dass ein junger Mann aus Estland bei ihm in der Eishockeymannschaft sei und einen Job suche. ‚Zuverlässig und ehrgeizig’, ich glaube so waren damals seine Worte. Wir haben dann einfach einen Termin vereinbart, Herrn Ottmaa kennen gelernt und uns davon überzeugt, dass es klappen könnte. Dass es dann allerdings mehr als nur geklappt hat, ist vor allem Juris eigener Verdienst. Er hat sich mächtig reingehängt und gezeigt ‚Ich will mehr.’

Schnell hat er die Sprache gelernt, sich auch unserer Mannschaft angeschlossen und eine Menge Engagement gezeigt. Ein junger Mann, der Ziele hat und auch begriffen hatte, dass es neben Fleiß auch auf die berufliche Qualifikation ankommt.

Heute ist Juri einer unserer Leistungsträger in der Werkstatt. Auf seine Erfahrung und Fähigkeiten können und wollen wir nicht verzichten. Und das sage nicht nur ich, sondern gerade auch seine direkten Kollegen und unser Werkstattmeister. Er hat ihm von der Pieke auf alles beigebracht und Juri hat alles in kürzester Zeit gelernt.“

Und wie war es, als das Fortbildungsangebot zur Externenprüfung ‚KFZServicemechaniker’ der Handwerkskammer Düsseldorf bei Ihnen ankam? Wie haben Sie Juri überzeugen müssen?

„Juri davon zu überzeugen stand gar nicht zur Debatte. Ich habe ihm davon erzählt und er hat nur gefragt, wann es los geht.

Für uns als Firma Veolia ist der anerkannte Abschluss sehr wichtig, denn qualifiziertes Personal ist Bestandteil und Verpflichtung unserer Kundschaft gegenüber. Problem sind allerdings die Zulieferer und das Gesetz. Zum Beispiel schreibt uns ein Hersteller von Fahrtenschreibern für gewisse Montage- und Eichtätigkeiten ein spezielles Zertifikat vor. Um dieses allerdings machen zu dürfen, braucht man einen anerkannten Berufsabschluss im KFZ-Handwerk. Glück also, dass das Vorbereitungsseminar zur Externenprüfung angeboten wurde. Jetzt kann Juri seinen Abschluss machen und gleich im Anschluss die Prüfung, die ihn zu Arbeiten an Fahrtenschreibern berechtigt. Wie Sie sehen, alle haben was davon.“

 

INTERVIEW

Simon Goerg Nooh hat seinen Weg in die Selbstständigkeit konsequent verfolgt. Jetzt steht er kurz vor der Meisterprüfung im Friseurhandwerk.

Simon Nooh ist 1979 in einem Dorf im Nordirak geboren und aufgewachsen. Er ist Chaldäer, gehört also dem christlichen Glauben an. Da sich das Leben für die christliche Minderheit immer schwieriger gestaltete, entschloss sich Herr Nooh im Juli 2001 zur Flucht nach Deutschland.

Die berufliche Karriere von Herrn Nooh begann im Alter von 11 Jahren. Sein Vater betrieb einen Friseursalon. Dort lernte er fast spielerisch das Friseurhandwerk und arbeitete mit 13 Jahren neben der Schule und später der Ausbildung in einem Kunstinstitut mit Schwerpunkt auf Musik richtig mit.

Seine Fähigkeiten kamen ihm in Deutschland zugute. Bereits nach sechs Monaten in Augsburg konnte Herr Nooh im Friseursalon „Dük“ im Stadtteil Oberhausen ein zweiwöchiges Praktikum absolvieren. Bei einem Bildungsträger belegte er einen Sprachkurs, den er aber zugunsten einer Festanstellung bei Dük vorzeitig verließ. Herr Nooh spricht sehr gut Deutsch, das habe er sich aber selbst beigebracht. Während des Kurses machte er auch ein Praktikum im Salon Top Hair. Dort habe er sein Augenmerk besonders auf die Friseurtechnik bei Frauen gelenkt, denn er sei bislang nur Herrenfriseur gewesen. Dauerwelle, Schnitt-, Färbe- und Föntechniken und auch Schminken habe er sich so abgeschaut und selbst weiter professionalisiert.

Nach mehreren Jahren Festanstellung in verschiedenen Salons ermunterte ihn die mittlerweile zahlreiche Stammkundschaft, sich selbstständig zu machen. Im Jahr 2006 nahm Herr Nooh diesbezüglich Kontakt mit Sait Demir auf, den er aus dem assyrischen Mesopotamien-Verein kannte. Herr Demir leitete damals im bayerischen Netzwerk MigraNet (Teil des Netzwerks IQ – Integration durch Qualifizierung) das Projekt AMGE (Augsburger Migranten gründen Existenzen) zur Existenzgründungsberatung für Mig - rantinnen und Migranten und war Mitglied des bundesweiten IQ-Facharbeitskreises „Existenzgründung“. Er bot Herrn Nooh sofort Unterstützung und Beratung an und stellte den Kontakt zur Handwerkskammer für Schwaben her, die ebenfalls mit dem Projekt „Chance M“ in MigraNet vertreten war. Dr. Brigitte Eisele von der Handwerkskammer beriet Herrn Nooh auf seinem Weg in die Gesellenprüfung und besorgte ihm die entsprechenden Unterlagen zur Vorbereitung. Er musste für die Zulassung zur Prüfung seine Tätigkeit als Friseur durch Zeugnisse und Arbeitsbestätigungen nachweisen und bekam schließlich im Januar 2008 seinen Gesellenbrief überreicht.

Bereits im September 2007 hatte Herr Nooh mit einem Friseurmeister eine GbR gegründet und den Salon Ishtar übernommen. Die Ablöse von 7.000 Euro bezahlte er selbst, er bekam aber über die Arge fast ein Jahr lang Einstiegsgeld. Beim Businessplan und der Erfüllung der gewerblichen Voraussetzungen half ihm Aziz Akcan, ebenfalls tätig im Projekt AMGE. Um den Salon allein führen zu können hat sich Herr Nooh nun zur Meisterprüfung entschlossen. Den viermonatigen Vorbereitungskurs bestreitet er aus eigener Tasche bzw. versucht, Meister-BAföG zu bekommen.

Bei der Gründung und Begleitung des Unternehmens stand Herrn Nooh auf Empfehlung von Aziz Akcan noch ein vierter Fachmann zur Seite. Herr Thomas Krabes, der in MigraNet im Projekt „Interkulturelle Personalentwicklung“ der Ausbildungsinitiative Ausländische Unternehmer e.V. tätig war und selbstständiger Unternehmensberater und Finanzdienstleister ist, beriet und berät Herrn Nooh in allen finanziellen Belangen. Damit konnte Herr Nooh die Synergieeffekte im Netzwerk MigraNet und im Facharbeitskreis Existenzgründung optimal nützen.

Herr Nooh beschäftigt in seinem Laden eine Friseurin und eine Auszubilden de. Seine Brüder arbeiten in Teilzeit bzw. als Aushilfe ebenfalls mit im Salon.

Folgende Punkte erachtet Herr Nooh als wichtige Voraussetzung für die Selbstständigkeit:

Mittlerweile läuft der Laden sehr gut. Im Jahr 2009 schrieb Herr Nooh schwarze Zahlen. Nun wünscht er sich, dass auch seine Eltern und die Schwestern den unsicheren Irak verlassen und nach Deutschland kommen.

Kontakt und Informationen zum Kompetenzzentrum MigraNet: Seite 77 und zum Facharbeitskreis Existenzgründung: Seite 72/73.

 

INTERVIEW MIT ORAZIO GRASSO (38) Mitarbeiter bei der Firma Autohaus Oestreich, Wuppertal

Orazio, was war der Grund dafür, spontan das sonnige Sizilien gegen Wuppertal einzutauschen?

„Na ja, neben Sonne und Meer zählt für mich vor allem die Arbeit und die Familie. Und als mein Vater unsere Kfz-Werkstatt in Sizilien schloss – hier habe ich viele Jahre gelernt und gearbeitet –, ist er nach Deutschland gegangen und ich habe in Italien in verschiedenen Autohäusern gearbeitet. Irgendwie war es das aber nicht und ich bat meinen Freund, der damals bereits hier bei Oestreich arbeitete, sich mal umzuhören. So ganz spontan war es also eher nicht. Dennoch, als es wirklich los ging und meine Frau und ich im Flieger nach Düsseldorf saßen, war mir ganz anders. Millionen Fragen waren ungeklärt und trotz Jobperspektive und einem Teil meiner Familie, der ja bereits hier in Deutschland war, war vieles unsicher.“

Wie war das für Dich, die erste Zeit in Deutschland?

„Meine Eltern waren bereits hier und einige Freunde hatte ich ja auch bereits. Das hat einiges erleichtert. Dennoch, wir wollten, dass Deutschland eine echte zweite Heimat für uns wird. Und das geht nur, wenn man die Sprache gut beherrscht und auch deutsche Freunde hat.

Beim Deutschlernen hat die Volkshochschule geholfen und das Freundefinden hat über die Arbeit prima geklappt.“

Und im Beruf, bist Du direkt mit allem klargekommen oder war die Umstellung groß für Dich?

„Eine Umstellung gab es schon. Aber ich habe in der Werkstatt meines Vaters den Beruf von Grund auf gelernt. Außerdem habe ich in Italien an unzähligen Lehrgängen und Fortbildungen teilgenommen. Die Praxis war also kein Problem für mich.

Die Entwicklung im Kfz-Bereich ist allerdings rasant. Dauernd muss man Neues lernen. Das war auch der Grund dafür, dass ich – jetzt wirklich spontan – zugestimmt habe, als im letzten Jahr mein Chef mit dem Vorschlag kam, mit damals 37 Jahren noch mal zur Schule zu gehen und die Externenprüfung zum Kfz-Servicemechaniker zu machen. Auch wenn die Arbeit die Gleiche bleibt. Ich weiß und kann mehr. Darum geht’s.“

Was, meinst Du, ist der Hauptgrund dafür, dass so wenige ‚Menschen mit Zuwanderungsgeschichte die Chance nutzen und einen Berufsabschluss nachholen?

„Ich denke, viele wollen einfach nur arbeiten – fertig. Sie sind glücklich, wenn sie nur ihren Job haben und ein entsprechendes Auskommen. Bei mir ist das anders. Ich will immer lernen. Mir macht das Spaß.“

Und wie hast Du davon erfahren, dass es so etwas wie eine Externenprüfung gibt und die Handwerkskammer Düsseldorf ein Vorbereitungsseminar bietet?

„Wie gesagt, mein Chef kam damit an. Und er hatte es von seinem Vater gehört. In der Innung ist wohl darüber gesprochen worden.“

Orazio Grasso war Teilnehmer am Vorbereitungskurs zur Externenprüfung an der Handwerkskammer Düsseldorf.

 

STATEMENT

Kfz-Meister Thomas Oestreich
Sizilianer startet 1999 Deutschlandkarriere

Geschäftsführer der Fa. Oestreich, Kfz-Meister Thomas Oestreich (43). Das Wuppertaler Unternehmen hat er im Jahr 2001 offiziell von seinem Vater übernommen. Gegründet wurde das Autohaus mit angeschlossener Werkstatt vor genau 56 Jahren von seinem Großvater. 12 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen heute. Einer von ihnen: Orazio. Sizilianer und seit 1999 in Deutschland.

„Gut acht Jahre ist das jetzt her. Händeringend hatten wir einen qualifizierten Mitarbeiter für die Werkstatt gesucht. Keinen gefunden. Auf die Idee, jemanden in Sizilien für unsere Niederlassung in Wuppertal zu suchen, wäre ich wohl selbst nicht gekommen. Und das, obwohl wir damals auch Lancia- Vertretung waren. Ein ehemaliger Mitarbeiter und Freund von Orazio hatte die spontane Idee. Und ich habe spontan ‚Ja’ gesagt. Orazio hat spontan seine Frau überzeugt, die Koffer gepackt und zwei Tickets one-way Sizilien– Düsseldorf gebucht. Ein paar Tage später standen wir uns dann hier gegenüber: Wuppertal, Autohaus Oestreich, November 1999.

Irgendwie seltsam war die erste Zeit schon. Orazio sprach kein Deutsch und mein Italienisch war noch schlechter. Aber kein Problem. Mit Händen, Füßen und dem festen Willen, es gemeinsam zu schaffen, haben wir es auch geschafft. Und wenn wirklich mal ein paar Worte fehlten, hat Orazios alter Freund und damals auch neuer Kollege mit den passenden Worten weitergeholfen.

Bei all dem darf man allerdings nicht vergessen, dass eines von vornherein stimmte. Orazio hat sich nicht nur Mühe gegeben, er hat sich bis heute voll reingehängt und schnell unser aller Vertrauen gewonnen. Hinzukommt: er versteht eine Menge von Autos. Das haben auch unsere Kunden schnell gemerkt. Viele von ihnen wollen ausdrücklich Orazio.“

Sizilien im Profil
Ätna, Palermo, Urlaub und ausgezeichnete Weine: Gedanken, die jedem in den Sinn kommen, der den Namen der italienischen Mittelmeer-Insel hört. Doch Sizilien hat mehr, viel mehr: 5 Millionen Einwohner etwa. Einer von ihnen, Domenico Dolce, Mitbegründer des weltbekannten Modelabels Dolce & Gabbana. Ein anderer, Giuliano Lombardo, Hauptfigur des Romans „Der Sizilianer“. Noch ein anderer, Archimedes, ca. 287 v. Chr. hier geboren, Mathematiker, Physiker und Erfinder. Und dann natürlich Orazio, der 1999 als KFZ-Mechaniker nach Wuppertal umzog.

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